Wie und warum ich selbstständig wurde.

Geschrieben am 20.12.2018

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at

 

Neue Gedanken über alte Dinge

 

Es war einmal zu meiner Geburt. Spätestens. Ich war nämlich ein … spezielles Kind. Aber die lange Geschichte dazwischen erspare ich euch an dieser Stelle und springe gleich zu den nächsten Geburten, nämlich denen meiner Töchter.

 

Kinder zu bekommen bringt nicht nur viel Arbeit mit sich, die der Staat in Form von externer Betreuung mehr oder eher weniger sinnvoll abzufedern versucht, sondern auch eine ziemlich große Umstellung. Zumindest war es bei mir so. Zwei Schwangerschaften mit dem Ergebnis von zwei gesunden Kindern haben dafür gesorgt, dass ich insgesamt fast 4 Jahre nicht berufstätig war. Da ich kurz vor Beginn dieser 5 Jahre auch noch mein räumliches Umfeld gewechselt habe, also umgezogen bin, hatte ich sehr viel Zeit mit mir.

Neben den anregenden Unterhaltungen mit dem Baby hatte ich unendlich viele innere Dialoge zu führen, an weiteren Gesprächspartnern mangelte es mir, zumindest in der ersten Zeit.

 

Diese ausführlichen Diskussionen mit mir selbst führten dazu, dass ich mich tatsächlich äußerst intensiv mit eben mir selbst, meinem Leben, meinen Erfahrungen und meinen Zielen auseinandersetzte. Im Nachhinein würde ich sagen, ich gab all den Samen, die ich zuvor ein Leben lang gesammelt und eingelagert hatte, endlich die Gelegenheit, ihre Keimfähigkeit zu beweisen. Ein schöner Vergleich, oder?

 

Dann war die Zeit vorbei und ich gewissermaßen von einem ungeahnten Blumengarten umgeben! Dummerweise kannte ich die Früchte alle noch nicht und musste mir eine andere Möglichkeit suchen, mich und meine Kinder weiterhin zu ernähren. Die erste Möglichkeit, die ich kannte und die auch realistisch schien, war, mir wieder einen Job in meiner alten Branche zu suchen. Ich habe einen gefunden.

 

Der Anfang vom Ende

 

Das war der Anfang vom Ende. Als nicht bereits vor der Karenz angestellte Mitarbeiterin hatte ich keine Chance auf eine Teilzeitstelle, also Vollzeit. Mit All-In-Vertrag, also Überstunden noch und nöcher. Meine geliebten Kinder, die ich zuvor 24 Stunden am Tag um mich herum gewohnt war, sah ich plötzlich kaum noch zur Gute-Nacht-Geschichte und eigentlich tat ich außer arbeiten und viel zu wenig schlafen kaum noch etwas.

 

Dazu kamen ein Team und eine Vorgesetzte, die das Wort „Mobbing“ in seiner tiefsten Bedeutung verstanden hatten und auch umsetzten. Es ist jetzt nicht so, dass ich noch nie Kämpfe ausgefochten hätte. Manchmal habe ich triumphiert, manchmal nicht, jedenfalls bin ich nicht zu feige, mich zu behaupten. Doch in dieser Situation hatte ich echt keine Lust dazu. Ich war (und bin noch) der Meinung, dass ich von Vorgesetzten zumindest die Kompetenz erwarten kann, ihren Job ausführen zu können. Das war nicht gegeben. Was hätte ich denn erreichen wollen? Im Kampf, der nichts weiter als ein kleiner Ego-Krieg gewesen wäre, hätte ich sie höchstens von ihrem Thron stoßen können – und dann? Mich selber daraufsetzen? Nein, danke! Auf den nächsten warten? Auch nicht besser. Es kam mir einfach nur unsinnig vor. Ich war aber finanziell abhängig. Ich fühlte mich gefesselt.

 

Meine Kinder weinten, ich hangelte mich von einem Migräne-Anfall zum nächsten, nahm fast 20 kg zu, konnte meine Aufgabe weder am Arbeitsplatz noch zu Hause erfüllen und nach einem Jahr hat es mir gereicht. Ich habe mich mit meinem Mann abgesprochen und gekündigt. So wäre es ohnehin nicht mehr lange weitergegangen. Im September hatte ich meinen letzten Arbeitstag.

 

Das Jahr darauf war geprägt von euphorischen und ratlosen Phasen abwechselnd. Zuerst war ich ja wirklich krank. Ich war bis weit in den November hinein beim Psychosozialen Zentrum in Behandlung. Auch, weil ich wahnsinnige Angst davor hatte, mich wieder zu bewerben. Mir wurde wirklich mehr als schlecht bei dem Gedanken, ich konnte es einfach nicht, es war absolut das Schlimmste, das ich mir in dieser Zeit vorstellen konnte.

 

Neue Möglichkeiten

 

Die Idee, mich selbstständig zu machen, war ja in groben Zügen schon vorhanden. Trotzdem passierte erst einmal gar nichts, ich wusste nicht wie und ich wusste nicht wo. Dann kam Ende Oktober die große Wende.

 

Praktisch aus dem Nichts heraus war Verlegerin aus Wien der Meinung, mein Stil würde in ihr Verlagsprogramm passen. Ein paar Wochen später habe ich ihr die Endversion von "Teddy fliegt ins Traumland" geschickt. Die endgültige Veröffentlichung hat dann zwar noch bis Ende Februar gedauert, aber ich war wieder in Bewegung - und so stolz!

 

Aus dieser Bewegung heraus habe ich mich dann an meinen Businessplan gewagt. Naja und kaum stand der, wurde ich vom AMS zu einem 8-Wochen-Bewerbungscoaching-Programm verdonnert. Ich habe zwar auch beim AMS immer mit offenen Karten gespielt, aber weil ich noch uralte Restschulden habe, konnte ich nicht am Gründerprogramm teilnehmen. Das hieß, in den sauren Apfel beißen und nehmen, was ich kriegen kann.

 

8 Wochen können lang sein. Der Kurs war zwar nicht so schlimm, aber er beanspruchte täglich den ganzen Vormittag. Das bedeutet: meine gesamte, verfügbare Arbeitszeit, weil ich ja nur wirklich produktiv sein kann, während die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind. Na gut, ich habe diese Zeit genutzt um Kontakte zu schließen und mein Selbstbewusstsein aufzubauen. Das war auch bereichernd.

 

Ich habe es dann irgendwie geschafft, meine Küche genehmigen zu lassen (das hat mich auch nur ca. 100 (nicht gefühlte) Telefonate gekostet, nur um herauszufinden, WER das machen könnte und unter welchen Voraussetzungen), meine Rezepte abzuschließen und meine Geschäftshomepage zu gestalten. Es fehlte "nur" noch die Genehmigung der Rezepte. Für die Sicherheitsbewertung habe ich viele Absagen ("Nein, wir stehen zwar auf der Liste, aber wir machen das nicht mehr." ) erhalten und ein paar Angebote. Ungefähr 500 - 3000 € PRO REZEPT!!!

Okay.

 

Noch mehr Rückschläge und noch mehr Perpektiven

 

Ich weiß nicht mehr, wie und über welche Ecken, irgendwann habe ich tatsächlich jemanden gefunden, der normale, leistbare Preise hatte. Dann der nächste Schlag: Mein Mann verlor von heute auf morgen seinen Job. Da war ich endlich fix fertig in den Startlöchern und konnte nicht starten, weil mir schlicht das Geld für die allerletzte Genehmigung fehlte.

 

Also wieder Zeit investieren. Ich hätte aber inzwischen sonstwas gemacht, nur um mich nicht mehr bewerben zu müssen. Das war immer noch die absolute Horrorvorstellung und ich wusste ja jetzt, dass es anders geht. Zumindest theoretisch...

Mann aufbauen, Kinder, Haus und Garten betreuen und schauen, dass von irgendwo her Geld reinkommt. Das waren die nächsten Aufgaben.

 

Ich war jetzt richtig froh darüber, dass ich meine Zeit genutzt hatte, um Kontakte aufzubauen. So hatte ich mich zum Beispiel mit der Tanzlehrerin meiner Töchter immer gut gestellt und die brachte mir die nächste Gelegenheit: Machen wir doch ein Tanztheater!

Was soll ich sagen, pünktlich zu Ostern wurde mein zweites Kinderbuch "Der Halbdrache - Theobald und das Geheimnis der blauen Dora" veröffentlicht und wenig später von den Kindern der Tanzschule in Deutschlandsberg uraufgeführt.

 

Das und viele, viele Lesungen in den Kindergärten der Umgebung brachte uns tatsächlich die Finanzen, um über die nächsten Monate zu kommen. Im August dann endlich die, bis jetzt, endgültige Wende: Mein Mann fand wieder einen Job. Bei einer renommierten Firma, dort fühlt er sich richtig wohl und sein Vertrag wurde nach der Probezeit auch unbefristet verlängert.

Im Herbst - ziemlich genau ein Jahr nach meiner Kündigung - konnte ich die Sicherheitsbewertung einreichen. Seit meinem Namenstag, dem 25. November, ist mein Shop unter www.maerchenundseife.at offiziell online!

 

Endlich!

 

Ich bin so glücklich! Jetzt ist es auch nicht mehr so schlimm, wenn mein Mann doch unerwartet noch einmal den Job verliert, dann muss er eben bei mir mitarbeiten. Ich bin zwar nicht von heute auf morgen reich geworden, aber es läuft an. Die ersten Kunden sind da und mein Geschäft hat definitiv Potential.

Ach ja, nebenbei habe ich seit dem Frühling wieder 12 kg abgenommen. Einfach nur, weil ich glücklich bin, mich dadurch mehr bewege, aktiver bin usw.. Bald passen mir vielleicht auch wieder die hübschen Kleider, die ich mir damals für den Eintritt in die Firma gekauft habe...

 

Höhen, Tiefen, Hilfe von überraschendster Stelle, der Ausfall, der mich zur Frauenbeauftragten beim AMS geführt hat, die mich gefördert hat, wo sie konnte, die tolle Juristin, die ich plötzlich kennengelernt habe, die Freundin, die ich gefunden habe und die fleißig für mich wirbt - so viele Zufälle, die mich durch alle Hürden praktisch getragen haben... Ich weiß, dass ich auf einem guten Weg bin! Auch, wenn ich so manche Arbeitskollegen doch ziemlich vermisse, es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte!