Schlechte Nächte

Letzte Nacht hat meine Tochter schlecht geträumt. Scheinbar war es nicht weiter schlimm, gerade so, dass es ihr sicherer erschien, die restliche Nacht bei mir zu verbringen. Damit war es auch schon erledigt, ein paar Minuten später schlief sie wieder tief und fest.

 

Ganz im Gegensatz zu mir. Ich hörte die Kirchenglocke zur vollen Stunde läuten. Einmal, zweimal, dreimal. Irgendwann muss ich doch wieder eingeschlafen sein, denn plötzlich läutete der Wecker.

Mir ist übel vor Müdigkeit, es sind zu viele Stunden Schlaf, die mir fehlen. Trotzdem stehe ich auf und muss mich kurz festhalten. Mein Kreislauf hat beschlossen, noch im Bett zu bleiben. An solchen Tagen verfluche ich den Wecker. Wer auch immer den erfunden hat soll ihn in der Unterwelt ununterbrochen läuten hören!

 

Eine halbe Stunde später versuche ich mich auf den Verkehr zu konzentrieren und bekomme aus dem Autoradio „gute“ Tipps um wach und ausgeschlafen am Arbeitsplatz zu sein:

„Wenn sie müde werden, dann gehen sie kurz an die frische Luft“ erklärt mir der Coach und „Gehen sie rechtzeitig zu Bett.“ Ich meine, ein hämisches Grinsen in seiner Stimme zu hören.

 

Um mich nicht zu ärgern, erkläre mir selbst, dass der gute Mann wahrscheinlich erstens keine Kinder hat und zweitens bestimmt selbstständig berufstätig ist. Der kommt nach einer langen Nacht nicht in ein Büro mit grellem Neonlicht und anstrengend freundlich grüßenden Kollegen, sondern arbeitet halt bis mittags erst einmal in Ruhe von der Couch aus.

Hinter meinem rechten Auge beginnt es sachte und unregelmäßig zu pochen – Migräne kündigt sich an.

 

Ich halte Pünktlichkeit für eine Tugend. Wirklich. Ich sehe auch ein, dass wir uns nicht mehr bei Sonnenaufgang im Apfelgarten treffen können. Unter anderem wahrscheinlich deshalb, weil vielerorts überhaupt nicht erkennbar ist, ob die Sonne nun tatsächlich schon aufgeht und weil Apfelgärten überhaupt selten geworden sind.

 

Aber an solchen Tagen mache ich mich kaputt und die Gesellschaft, die wir uns gebastelt haben, tut viel, um mich dabei zu unterstützen. Zum Beispiel erklärt sie mir über den Autoradio, ich soll einfach ein paar Minuten an die frische Luft gehen um mehrere Stunden Schlaf auszugleichen. Hauptsache, ich kann kurzfristig meine Aufgabe erfüllen.

Über „langfristig“ reden wir dann vielleicht, wenn es soweit ist, dass der Staat mir eine teure Behandlung oder eine Kur bezahlen soll.

 

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at