#MeToo

Geschrieben am 17.11.20217

 

Selbstverständlich will ich nicht alle in einen Topf werfen, die da gerade so fleißig und solidarisch „#MeToo“ auf Facebook posten, um anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Das ist sehr nett von ihnen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass mindestens 90% (und das ist eine völlig ins Blaue geratene und haltlose Aussage von mir) dieser Menschen (es sind ja nicht ausschließlich Frauen) die Ereignisse gründlich aufbauschen.

 

Die wenigsten von ihnen wissen, wie es ist, wenn du mit gespreizten Beinen daliegst und dich der brennende Schmerz durchfährt, weil du vor lauter Trockenheit wund gerieben bist und die einzige Feuchtigkeit von seinem Schweiß kommt, der noch fest Salz in deine offene Haut bringt.

Dein Kopf und deine Arme liegen wie festgeklebt auf der Matratze, du hast sie mental praktisch abgeschnitten, weil du dir sicher bist, mit der nächsten Bewegung brichst du diesem stinkenden, schwitzenden und stöhnenden Arschloch auf dir mindestens die Nase.

Stattdessen windest du dich in kleinen, zuckenden Bewegungen, dein Körper will sich befreien und du hast das nicht völlig unter Kontrolle. Aber durch den Schleier seiner Geilheit feuert ihn das nur weiter an: „Jaah, das gefällt dir, was!“

 

Auf diese Weise musst du ihm wenigstens nichts vorspielen. Und noch einmal trocken anal, bis du blutest. Blut fließt auch von deinen Lippen, weil du dir vor Schmerz so fest darauf gebissen hast und dir entkommt ein gequältes Stöhnen, das nur er als lustvoll interpretieren kann. Wenigstens will er dich nicht küssen. Aber – oh nein, bitte nicht – er findet es plötzlich geil, dir das Blut von den Lippen zu lecken und dir wird schlecht. Als er dir auch noch die Zunge in den Mund steckt, schreit dein ganzes Ich: „Beiß sie ihm ab! Beiß sie ihm ab, dann verblutet er hier und jetzt!“ Doch du liegst nur da und lässt alles über dich ergehen.

 

Warum? Wie bist du nur in diese Situation geraten? Jedem anderen hättest du den Stinkefinger gezeigt und dich umgedreht. Aus irgendeinem Grund hat ausgerechnet ER Macht über dich. Vielleicht bist du alleinerziehend, warst lange arbeitslos und deine Kinder haben Hunger? Vielleicht bedroht er deine beste Freundin, die auch in der Firma arbeitet? Vielleicht erinnert er dich an deinen Vater, der dich zwar nie unsittlich berührt hat, aber auf andere Weise brutal war?

 

Egal wie, er löst einen Trigger in dir aus, gegen den du machtlos bist. Wenn du jetzt kündigst, hast du keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr. Du warst bei einer Hilfestelle für Frauen, aber nachdem du schüchtern gefragt hast, welche Möglichkeiten du hast, haben sie dir seufzend angeboten, dass du eine Therapie bekommen kannst, wenn dich ein Facharzt krank schreibt. Kostet XY und du hast auf alle Fälle jemanden, der dir zuhört.

Aber niemanden, der dich aus dem Dilemma holt. Außerdem kannst du dir das gar nicht leisten. Danach hast du im Warteraum all die anderen Frauen gesehen, die wirklich ein Problem haben, wie man an den Blutergüssen sehen kann. Plötzlich schämst du dich nur noch. Schämst dich dafür, dass du nicht alleine damit fertig wirst. Dass du nicht stark und selbstbewusst genug bist, um dich zu befreien. Vielleicht machst du dir auch etwas vor? Vielleicht warst du es selbst, die ihn immer wieder ermutigt hat, vielleicht glaubt er wirklich, du würdest all das genießen und er mag dich sogar! Vielleicht bist DU die Betrügerin!

 

Jetzt sitzt du im Büro und hörst dir an, wie die Kollegin sich lauthals darüber beschwert, wie der Portier heute ZWEI MAL auf ihre neue Bluse gestarrt hat, nur weil man den BH durchblitzen sieht. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sei das! Es gehe schließlich niemanden etwas an, welche Kleidung sie trage.

Sie werde sich das nicht gefallen lassen, zum Betriebsrat gehen. Du stöhnst innerlich. Wenn sie doch weiß, dass man ihre Unterwäsche sehen kann, warum trägt sie dann nicht ein Top unter dieser dämlichen Bluse? Und jetzt kommt diese Möchte-gern-ich-bin-so-schön-und-will-es-.allen-zeigen-aber-seht-mich-nur-nicht-genau-an-das-ist-mir-unangenehm-Tussi auch noch auf die Idee, sich solidarisch zu zeigen und sofort #MeToo auf Facebook zu posten. Weil die Frauen doch zusammen halten müssen.

 

Bis heute Morgen fand sie das ja immer übertrieben, aber offensichtlich kann es WIRKLICH jeden treffen, wie sie nun am eigenen Leib erfahren musste.

 

Dazu kannst du nur bitter lachen. Solltest DU öffentlich #MeToo posten und er erfährt es, bist du wahrscheinlich tot. Aber immerhin weißt du jetzt, dass es anderen auch so geht.

 

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at