Meine Variante vom Verfall der Menschheit

Eine glückliche Familie kommt in die Pubertät

 

Als die Menschen noch ganz jung waren, da lebten sie gemeinsam mit all ihren Geschwistern, ihrer Mutter und ihrem Vater. Die Geschwister nennen wir heute die Tiere, die Pflanzen und die Naturgeister. Mutter und Vater waren die Erde und die Sonne, sie gaben ihnen alles, was sie brauchten.

 

Aber irgendwann wollen sich alle Kinder einmal selbst bewähren. Sie wenden sich ab von den Eltern und suchen sich andere Vorbilder, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Sie probieren aus, was sie alleine schaffen. Irgendwann kehren dann alle Kinder nach Hause zurück. Sie sind dann erwachsen geworden und können für sich selbst und ihre eigenen Kinder sorgen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die Weisheit der Alten ein wertvoller Teil ihres Lebens sein kann.

 

Nur, die Menschen sind zu weit gegangen. Als sie sich von den Eltern abwandten, da bekamen sie Unterstützung von all ihren Onkeln und Tanten, für die wir das Wort „Götter“ verwenden. Sie zeigten ihnen, wie man Samen in die Erde legt und sorgfältig pflegt, damit sie eines Tages Früchte tragen. Sie zeigten ihnen, wie man Werkzeuge benutzt, um sich das Leben leichter zu machen. Es war alles in Ordnung. Die Menschen schufen sich kleine Inseln, auf denen sie sich selbstständig und unabhängig fühlen konnten. Innerlich wussten sie aber, dass sie die Familie dafür brauchten und so hielten sie immer den guten Kontakt.

 

Falsche Freunde

 

Aber dann geschah etwas. Ein Augenblick der Gier vielleicht nur oder der Faulheit, ich weiß es nicht. Jedenfalls hatten die Menschen ein schlechtes Gewissen, weil sie die Erde für ihren eigenen Wohlstand zu sehr verletzt hatten. Und dieser Augenblick wurde eiskalt ausgenutzt. Ich weiß nicht, ob dieser neue „Gott“ vorher schon zur Familie gehörte, oder ob er von irgendwo aus dem Universum zur Erde kam. Ich weiß auch nicht, ob es wirklich nur einer ist oder zwei oder eine Gruppe. Tatsache ist, die Menschen hörten, dass ihnen die Erde geschenkt ward und in ihrem schlechten Gewissen nahmen sie die Nachricht natürlich gerne an. Als die Erde sie rief, als die Geschwister und Onkel und Tanten sie riefen, da schlossen sie ganz fest die Augen und hielten sich die Ohren zu. Nur nicht sehen, nur nicht hören, dann ist es vielleicht irgendwann nicht mehr wahr…

 

Sie hielten auch ihren Kindern und ihren Enkeln die Ohren und die Augen zu. Stattdessen erzählten sie ihnen die neue Geschichte und ein paar Generationen später glaubten sie alle, weil sie es nicht mehr besser wussten. Sie waren trotzdem gute Menschen. Auch, wenn sie glaubten, dass ihnen die Erde geschenkt worden war und sie deshalb mit ihr machen konnten, was sie wollten, so behandelten sie sie doch mit Achtung und Respekt. Sie konnten zwar nicht mehr mit ihr reden, auch die Sprache der Geschwister hatten sie verlernt, aber im Herzen klang noch der Nachhall und den verstanden sie instinktiv.

 

Leider wurden es immer weniger, die wenigstens noch im Herzen verstanden und das schlechte Gewissen ist stark. Diejenigen, die unbedingt glauben wollten, die die „Macht“ genossen, die ihnen dieser Glaube gab, wollten nicht zurück. Es ging so weit, dass sie Gewalt anwandten, um alle anderen zum Schweigen zu bringen. Der neue „Gott“ (oder eben mehrere) tat seinen Teil, um die Menschen noch mehr gegeneinander aufzuhetzen, aber viel musste er nicht tun. Ein bisschen Streit und Uneinigkeit gibt es immer, das ist in Ordnung. Aber wenn es Leute gibt, die das zu ihrem Lebensinhalt machen, dann beginnt ein Weg, der kaum aufzuhalten ist.

 

Schlechte Vorbilder

 

Es entstanden neue Rituale, die nicht mehr dazu dienten, im Fluss zu bleiben, sondern ein System von Geben und Nehmen erschufen. Hier und Dort, Gut und Böse – es wurde ein Leben voll von Entscheidungen geschaffen und das schlechte Gewissen wurde geschürt und geschürt und geschürt… Plötzlich wollen sich alle freikaufen, wir nahmen uns selbst unser natürliches Anrecht und bilden uns ein, wir müssten für die Früchte der Natur bezahlen. Oder, vielleicht noch schlimmer, die Natur wäre so etwas wie ein „Gratis-Kaufhaus“ oder eine „Gratis-Apotheke“. In jedem Fall denken die meisten Menschen, sehr anthropozentrisch, die Natur wäre dazu da, um uns zu dienen. Manche verwenden den Ausdruck „versorgen“, womit sie das gleiche meinen.

 

Aber das stimmt nicht. Wir Menschen gehören genauso dazu wie die Bäume und der Wind. Wir haben uns selbst aus dem Kreislauf heraus gestellt, wer weiß, ob es noch einen Weg zurück gibt? Für einzelne von uns bestimmt. Vielleicht für viele. Vielleicht für unsere Kinder. Aber wie soll ich es rechtfertigen, dass ich diesen Text hier in einem Gebäude aus Stahl und Stein auf einer Kunststoff-Tastatur in Baumwoll-Kleidung aus wahrscheinlich Monokultur schreibe? Darüber schreibe ich ein anderes Mal…

 

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at