Energieausgleich? Oder doch lieber Bargeld?

Geschrieben im Oktober 2017

 

Was wäre denn "daraus gemacht"?

 

Ich kenne eine sehr liebe, ältere Frau die vor Jahren ihr Talent zum Schnitzen entdeckt hat. Unter ihrer Hand entstehen wunderbare, ausdrucksstarke Figuren und Reliefs und immer wieder wird sie gefragt, warum sie denn „nichts daraus macht“?

Es stimmt, auf dem richtigen Markt könnte sie bestimmt richtig Geld mit ihren Schnitzereien verdienen, trotzdem verkauft sie kein einziges Stück. Ihre Werke gibt es nur geschenkt. Die obige Frage beantwortet sie stets nur mit einem verständnislosen Blick und: „Ich hab doch was daraus gemacht, nämlich jemandem eine Freude!“

 

Diese Frau ist nicht reich, aber versorgt. Sie schnitzt auch nicht ununterbrochen, sondern dann, wenn sie Lust dazu hat, wenn ihr etwas einfällt, das sie gerne machen möchte. Wäre sie eine junge, alleinerziehende Mutter, sähe die Sache vielleicht anders aus, dann müsste sie Geld verdienen. Aber das ist sie nicht. Ihr Leben ist gut so wie es ist.

 

Mach dein Hobby zum Beruf?

 

Als ich damals die Ausbildung zur zertifizierten Natur- und Landschaftsvermittlerin begonnen habe, lautete der Plan in nicht allzu ferner Zukunft davon zu leben. Schließlich war das etwas, was ich sowieso schon mein Leben lang tue und vor allem gerne tue:

Im Wald herumlaufen und jedem, der mich freiwillig begleitet, alles Mögliche darüber erzählen. Ich habe die Ausbildung abgeschlossen, mich über diverse Geschäftsmodelle informiert und mir überlegt, was genau ich anbieten könnte.

 

Dann passierte mir ein Spaziergang mit einer Bekannten. Wir gingen gute 2 Stunden durch einen hübschen Wald und am Ende fragte sie mich: „Was verlangst du nun eigentlich dafür?“ Ich sah sie verständnislos an. „Na, das war doch gerade eindeutig eine Führung, so wie du die letzten beiden Stunden gestaltet hast…“

 

Diese Frage löste in mir viele Gedankengänge aus. Es wäre übertrieben zu sagen, ich hätte irgendwelche großartigen, neuen Erkenntnisse gewonnen, aber etwas bewusst auszuformulieren kann ähnliche Folgen haben:

 

Die perfekte Welt

 

In meiner perfekten Welt tut jeder etwas, das er gut kann. Wenn sich dann (im sehr, sehr vereinfachten Modell) ein Schäfer, ein Weber, ein Schneider, ein Müller, ein Bäcker und ein Bauer zusammentun und ein Dorf gründen, dann ist im Prinzip alles da, was zu Leben gebraucht wird. Zumindest mehr oder weniger, ein paar andere Berufe hätten schon auch noch Platz.

 

Naja und Schriftsteller und Schauspieler… die gehörten nicht umsonst zum fahrenden Volk, ihr Handwerk wird jetzt nicht täglich zum Überleben gebraucht.

Da ich persönlich mehr der Kunst und Selbstentfaltung (meiner eigenen und der meiner Mitmenschen) zugetan bin als „echter, körperlicher Arbeit“, würde ich aufgrund meiner Kenntnisse mit Glück vielleicht als Dorfhexe oder sogar Dorfhure oder am Ende beides offiziell ignoriert, inoffiziell toleriert werden und dürfte weiter in meiner Hütte leben. Dafür bekäme ich ab und zu sehr hübsche und nützliche Geschenke. Bis der Hagel die Ernte versaut. Vielleicht finde ich diese Welt doch nicht so perfekt für mich…

 

Nun, zum Glück habe ich so noch nie gelebt, aber in einer großen Familie, in einer dörflichen Umgebung und mit einem gut funktionierenden Netzwerk. Irgendjemand hat immer etwas Brauchbares. Hier ein paar Eier, dort eine ganze Kiste voller Buntstifte, sogar ein wunderschönes Bett vom Tischler habe ich einmal geschenkt bekommen! Umgekehrt gebe ich aber auch, was ich selbst zu viel habe:

Kinderkleidung, Obst und Gemüse sowieso und den Heimtrainer, den ich mir völlig umsonst gekauft habe. Egal was, ich versuche immer erst, die Dinge sinnvoll (!!!) zu verschenken.

 

Für mich ist das meine Beteiligung am großen Pool. Ich brauche nicht unmittelbar von genau dieser Person etwas zurück, weil ich mich darauf verlassen kann, wenn ich etwas wirklich brauche, ist es auch da drin.

 

All dieses großartige Gerede vom Geben & Nehmen, vom Energieausgleich, der notwendig ist, den ich „mir wert“ sein muss – das ist für mich nur Schönrederei einer Sache, die vorne und hinten nicht passt. Im sogenannten „neuen Bewusstsein“ sprechen alle davon, wie sehr sie doch im Fluss stehen. Deshalb ist der Energieausgleich so notwendig, um den Fluss am Fließen zu halten. Doch stellen wir uns das einmal bildlich vor:

 

In the Flow - Im Fluss

 

Von einem Fluss durchströmt zu werden bedeutet, dass er auf einer Seite, sagen wir hinten, hineinfließt und auf der anderen Seite, sagen wir vorne, wieder hinaus. Natürlich kann die Formulierung auch lauten, er wird hinten aufgenommen und vorne wieder abgegeben, aber das ist nicht das Gleiche! Geben und Nehmen ist wie Ausatmen und Einatmen, dazwischen gibt es immer eine Pause (außer bei ganz großen Yogi-Meistern vielleicht, aber die lasse ich jetzt beiseite). Fluss und Pausen gehören in diesem Sinne nicht zusammen.

Entweder der Fluss fließt, oder macht Pausen, er stockt und da Stocken das ist, was wir offenbar nicht wollen, muss der Fluss strömen und darf nicht aufgenommen und wieder abgegeben werden.

 

Weiterführend bedeutet das, dass all die Hin- und Herschieberei von Energien und Ausgleichen, sei es geradlinig direkt oder von mir aus in Achterschleifen, höchstens ein Schwappen und nur im weitesten Sinne ein Fließen ist. Der Fluss wird dadurch jedenfalls eher gebremst.

 

Das war ein kurzer Ausflug in die Philosophie. Konkret heißt das für mich, dass ich keine Waldführungen gegen Bezahlung durchführe. Das kann ich nicht. Weil es ein Teil meines persönlichen Flusses ist, der ständig in mich hineinströmt. Ich müsste einen regelrechten Staudamm mit Schleuse bauen, um das zurück zu halten. Das ist mir zu anstrengend.

 

Warum ich das machen müsste? Ganz einfach: Weil ich ununterbrochen als Naturvermittlerin tätig bin. Bei meinen Kindern, bei ihren Freunden, als Mitglied von Umweltschutzorganisationen usw. Wie soll ich denn das trennen? Jeder, der mich zufällig oder in meiner Freizeit trifft, hört alles gratis und wer einen Termin ausmacht, muss dafür bezahlen?

 

Offenbar gibt es Möglichkeiten, andere Menschen tun es ja auch und das sollen sie bitte! Schließlich habe ich so viel von ihnen gelernt und sie konnten es mir nur beibringen, weil sie diesen Weg für sich gefunden haben! Diese Menschen sollen auch unbedingt dafür bezahlt werden, denn es wäre schade, wenn sie ihre Zeit damit verbringen müssten, Geld zu verdienen, damit sie sich die Miete leisten können. Aber, wie es so schön heißt: Jeder ist anders und ich bin ich und ehe ich an einem Dammbruch leide, verdiene ich mein Geld lieber anders. Denn:

 

Jede Gabe bekommt eine Gegengabe

 

Ja, die Menschen haben das Geld erfunden, ja, wir leben jetzt schon eine ganze Weile damit und die „neutrale Währung“ hat nicht ausschließlich Nachteile. Im Prinzip funktioniert es ja ähnlich, wie mein großer Pool: "Du brauchst Schuhe, ich habe welche. Ich brauche Eier, du hast keine, sondern nur Milch. Gut, dann gib mir das Geld, damit ich Eier von XY holen kann, der braucht Milch, aber keine Schuhe und bringt dir dann dafür das Geld wieder zurück." Wie gesagt, im Prinzip. Nur fehlt völlig das Gefühl, sich darauf verlassen zu können, dass alles da ist, wenn man es braucht.

 

Allerdings leben wir auch in riesigen und globalisierten Sozialkonstrukten. So wie unsere Welt jetzt aufgebaut ist, vor allem mit den vielen, bloß noch virtuellen Mechanismen, ist Geld nun einmal praktisch. Ich bin nicht auf eine einsame Insel ohne Winter ausgewandert, sondern ich lebe mit und in dieser Gesellschaft. Ich brauche Geld um die Miete und die Winterschuhe für die Kinder zu bezahlen. Nebenbei möchte ich noch Farbe zum Malen und das Salz für die Suppe baue ich auch nicht selbst ab. Also, was kann ich geben, um Geld zu bekommen?

 

Mich selbst, mein Wissen und meine Erfahrung nicht, darüber habe ich ja oben gründlich geschrieben. Was dann? Nun, ich habe mich für ein Produkt entschieden. Ein Produkt kann ich dosieren, ein Produkt kann ich vervielfältigen, ein Produkt kann ich geben und dafür etwas in gerader Linie bekommen. Ein Produkt, für das ich keinen „Ausgleich“ brauche, weil es mich nicht auslaugt. Ein Produkt, für das ich ganz einfach mit einem festgelegten Betrag bezahlt werde. Eine Gegengabe für die Gabe.

Ein Produkt, welches das Leben sehr viel besser machen kann, welches aber nicht über-lebenswichtig ist (dann hätte ich nur ein schlechtes Gewissen und würde wieder alles verschenken).

 

Mein Produkt hat mit Schönheit zu tun. Mit äußerer und innerer Schönheit, mit Märchen und Träumen, mit Respekt, Freiheit und Selbstbewusstsein, mit der eigenen Natur und der großen Mutter Natur, von der wir alle leben…

 

Damit kann ich leben.

Davon hoffentlich auch.

 

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at