Empfindlich?

Da ist nichts!

 

Ich bin nicht empfindlich! Ich habe einfach eine sensible Haut und spüre viel. Deshalb ist es auch kein „Jammern“, was ich tue. „Jammern“ ist es, wenn jemand nichts oder kaum etwas spürt und sich trotzdem dauernd beschwert. Für mich hingegen sind manche Kleinigkeiten wirklich so intensiv, dass ich sie nicht ignorieren kann.

 

Ein Beispiel:

Ich: „Da krabbelt was auf meinem Rücken, kannst du bitte schauen?“

Er: „Da ist nichts.“

Ich: „Doch, ich spüre es ja. Ich will es nur nicht zerquetschen. Da, unter dem Schulterblatt!“

Er: „Da ist nichts.“

Ich (verzweifelt): „Doch!“

 

Er holt demonstrativ eine Lupe und findet tatsächlich ein winziges, fast durchsichtiges, sechsbeiniges Wesen, welches sich über das, aus seiner Sicht schier unüberwindbare, Gebirge meiner Haut kämpft.

Ich kann kaum noch stillhalten, weil es mich so kitzelt und seufze erleichtert, als er das Wesen vorsichtig entfernt.

 

Ein weiteres Beispiel:

Ich trage einen kuschelig weichen und warmen Wollpullover. Diesen Pullover habe ich schon länger und ich fühle mich darin so richtig wohl. Plötzlich sticht mich etwas. Erst versuche ich, beinahe unbewusst, es wegzuwischen. Aber es hört nicht auf. Also sehe ich nach, ob etwas unter den Ärmel gerutscht ist. Nichts zu sehen. Es wird aber immer schlimmer, meine Haut ist schon ganz gerötet und brennt richtig. Ich ziehe den Pulli aus und werfe ihn erst einmal in die Wäsche. Bald habe ich den Vorfall vergessen. Bis ich den Pulli wieder trage. Dann beginnt es wieder zu stechen. Erst leicht, dann immer schlimmer, bis meine Haut ganz wund ist.

 

Nach langem Suchen finde ich ein Haar, das sich in die Wolle verwickelt hat und ein Ende zeigt genau auf meine Haut. Ich entferne es und alles ist gut. Ab jetzt trage ich den Pull wieder gerne.

 

Mein ganzes Leben

 

Im übertragenen Sinn trifft das auf mein ganzes Leben zu. Natürlich erkenne ich all das Schöne und die Wunder in der Welt, die kann ich schweigend genießen! Aber diese schrecklichen Kleinigkeiten können mir viel verderben, wenn ich es nicht schaffe, sie los zu werden.

 

Um bei dem Pulli zu bleiben, was hätte ich tun sollen? Hätte ich das Haar ignoriert, dann wäre meine Haut immer wunder geworden. Ich kenne das, erst wird sie nur leicht rot, nach einer Weile sieht die Stelle aus wie ein Knutschfleck und irgendwann ist sie so wund gerieben, dass sie nässt und blutet. Wenn ich das jetzt weiter spinne, könnte die Wunde eitern und an eitrigen Wunden kann man im schlimmsten Fall sterben.

 

Ihr lacht jetzt vielleicht, aber so witzig ist das gar nicht. Das klingt nur wie ein Witz, weil kein Mensch eine Wunde ignoriert und weil ich meine Geschichte mit einem Haar in einem kuscheligen Pulli begonnen habe.

Aber zum einen gibt es Menschen, die tatsächlich nichts spüren (eine Krankheit, deren Namen ich nachlesen müsste) und für die kann die kleinste Wunde tatsächlich schlimm enden, weil sie sie nicht bemerken und zum anderen ignorieren viele Menschen seelische Wunden sehr wohl oft sehr lange und die Folgen davon geistern gerade durch alle Medien…

 

Mir bleibt also tatsächlich nur die Möglichkeit, dieses störende Ding zu finden und zu entfernen und falls das nicht möglich ist, weil es zum Beispiel fest mit der Naht verbunden ist, muss ich mich von dem Pulli trennen.

Egal, wie weich und kuschelig er sonst ist und wie sehr mir auch das Herz dabei bricht (okay, es ist nur ein Pulli, aber im übertragenen Sinn eben), wir beide passen einfach nicht (mehr) zusammen. Deshalb muss ich ihn ja nicht gleich wegwerfen, vielleicht kann ich ihn auch verschenken. An jemanden, der das Haar gar nicht bemerkt zum Beispiel.

 

Tja, wie im Pulli, so im Leben. Manchmal kann ich störende Details in einer Situation relativ einfach erkennen und ändern, manchmal kann ich eine Schutzschicht einziehen, manchmal muss ich die Situation einfach verlassen.

 

Du bist immer so authentisch!

 

Es gibt tatsächlich Leute, die mich deshalb für meine „Authentizität“ bewundern. Weil dieses Verhalten wohl den Eindruck erzeugt, dass ich mich nicht verbiegen lasse und immer zu mir und meinen Bedürfnissen stehe. Ich lasse ihnen meistens die Freude an der Illusion des strahlenden Vorbildes und erkläre ihnen nicht lang und breit, dass ich gar keine andere Wahl habe…

 

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at