Angst und Armut

Ein kurzer Text über die Tafel… und direkt darunter zeigte mir Facebook die Werbung eines Schuh-Anbieters. Im Reflex wollte ich spontan ein Like geben, weil die Schuhe wirklich kreativ sind. Aber dann hatte ich plötzlich ein unglaublich schlechtes Gewissen wegen meiner eigenen, augenscheinlichen Prioritäten.

 

Die Welt, die in dem Text beschrieben wird, gibt es nämlich wirklich. Es ist eine andere Art von Armut, als die, auf einer Müllhalde leben zu müssen, aber eine nicht minder belastende.

 

Im Grunde ist es eine böse Ironie: Das soziale Netz des sozialen Staates soll die Menschen auffangen. Doch in der Realität bedeutet es für viele nur ge-fangen zu sein. In einem Wirrnis aus Verträgen, Abhängigkeiten und gesellschaftlichen Voraussetzungen, aus dem du dich nicht freikämpfen kannst.

 

Du hast keine Angst davor, unter der sprichwörtlichen Brücke schlafen zu müssen. Du hast Angst vor den Konsequenzen, die deine Gläubiger und die Gesellschaft ziehen können. Du hast Angst vor den Augen deiner Kinder, wenn sie wieder einmal „nicht dabei“ sein können. Du hast Angst davor, sie zu verlieren, weil du sie nicht mehr versorgen kannst. Du hast Angst davor, deine Post zu öffnen, weil du nicht weißt, wie du reagieren sollst. Du hast Angst vor dem Moment, in dem der Kuckuck vor deiner Türe steht und alle Nachbarn es sehen. Du hast sogar Angst davor, ihm zu zeigen, dass er nichts finden wird.

 

Du hast Angst, jedes Mal, wenn das Telefon läutet oder es an der Türe klopft. Du hast inzwischen Angst davor, um Hilfe zu bitten, weil du schon so oft abgewiesen wurdest, dass du auch gar nicht mehr weißt, an wen du dich wenden könntest. Du hast nicht nur Angst vor der Schande, sondern auch vor dem, was danach kommt.

 

Manchmal wünschst du dir sogar nur noch eine Decke und den Schlafplatz unter der Brücke. Doch du kannst nicht, du hängst zu fest im Netz. Sie werden mich holen kommen, denkst du. Du weißt zwar nicht genau, wer dich holen wird, wohin „sie“ dich bringen und was „sie“ dort mit dir machen, aber du hast wahnsinnige Angst davor.

 

Am Ende versuchst du nur noch, möglichst unauffällig zu sein. Du versteckst sich hinter Mauern und einer Fassade aus einem eingefrorenen Lächeln. Die Verzweiflung frisst dich auf und in deiner Einsamkeit werden deine Gedanken immer irrationaler.

Jeder Blick in deine Richtung lässt deinen Herzschlag kurz aussetzen, jeder Bettler auf der Straße macht dir einen stummen Vorwurf, dass du ihm nicht hilfst, obwohl du doch im Luxus lebst und zumindest ein Dach über dem Kopf hast und deine Haare gewaschen sind.

Ja, du hast sogar ein schlechtes Gewissen, wegen deiner gewaschenen Haare! Weil du es dir leistest, obwohl du kaum genug zum Leben hast.

 

Immer mehr verkriechst du dich unter diesem Dach über dem Kopf, immer in der Angst, gefunden und entdeckt zu werden. Immer mehr verfluchst du dieses Gefängnis, das so tut, als gäbe es dir Sicherheit.

 

Immer mehr wünschst du dir, es einfach hinter dir zu lassen, lieber obdachlos zu werden, aber dafür frei. Doch es geht nicht. Du kannst nicht loslassen, weil du festgehalten wirst. So fest, dass du kaum noch atmen kannst. Das ist das Elend der Armut in einem Land und einer Gesellschaft, die ein Netz aus Absicherungen bieten wollen. Ein Netz, das jeden auffangen soll…

 

Katharina Vasicek - www.maerchenundseife.at